Am Dienstag, 13. Februar, um kurz nach 22 Uhr traf uns, die Freiwilligen im Waisenheim „Centre Uranderera“, die Leiter, die Kinder und alle Beteiligte ein unbeschreiblich schmerzlicher Schock, den wir niemals wieder vergessen werden. Jimmy, der 13-jährige, herzkranke Junge ist seinen Leiden erlegen, nachdem er zwei Stunden lang Blut erbrochen hatte. Freitags zuvor war er ins Krankenhaus eingeliefert worden, nachdem wir ihn blutüberströmt in seinem Zimmer aufgefunden hatten. Bis Dienstag Nacht hatten wir alle gehofft, dass er sich wieder aufrappelt. Denn Kontakte in Deutschland, die Jimmy die notwendige und anscheinend relativ unkomplizierte Herzoperation ermöglicht hätten, waren bereits hergestellt. Alles war geplant, an Ostern, bei einem weiteren Besuch von burundikids-Vorstand Martina in Burundi, sollte er mit nach Deutschland kommen. Wir waren weit gekommen – doch Jimmys schwaches Herz machte nicht mehr mit. Zu spät.
Zu spät kam auch die Hilfe für den kleinen Venuste, den wir bereits Anfang Januar beerdigen mussten. Während einer Landfahrt, auf der wir unsere Projekte in der Provinz Muyinga im Osten Burundis besuchten, waren wir auf ihn aufmerksam geworden. Er war bereits 15 Jahre alt, sein Körperbau erinnerte jedoch an einen Sechsjährigen. Der Grund: Unterernährung und Mangelerscheinungen in ihren schlimmsten Facetten. Er sollte in unser Heim in Bujumbura kommen, wo er medizinisch versorgt und wieder zu Kräften kommen sollte. Doch morgens wachte ein Spielkamerad aus dem Heim neben dem toten Körper auf. Die Hilfe kam auch für Venuste zu spät.
Ein drittes Kind, in diesem Fall ein vier Wochen altes Baby, das nur ein Kilo wog, starb in der kurzen Zeit, in der wir Freiwillige nun hier sind. Es kam zusammen mit seiner stark unterernährten Mutter in unser Heim für junge Mütter im Stadtteil Kamenge. Pacifique, wie das Baby hieß, bekam spezielle Babynahrung und sollte so wieder „aufgepäppelt“ werden. Doch auch diese Hilfe kam zu spät. Die Mutter erreichte unser Heim, als das Schicksal ihres Kinds bereits besiegelt war.
Anstatt in Trauer zu versinken, stehen wir nun aufrecht und wollen nach vorne schauen. Wir beraten und überlegen, wie wir noch effektiver dem Elend – vor allem der Kinder – in Burundi entgegen wirken können. Ein Lauf gegen die Zeit, denn bereits in diesen Tagen fallen die ersten Menschen der erneuten Hungersnot zum Opfer. Zwei Millionen Menschen wird es treffen. Wir wollen in die am schlimmsten betroffenen Regionen und – in Absprache mit großen Organisationen wie dem World Food Programme und ähnlichen Organen der Vereinten Nationen – uns einen Überblick verschaffen, wo wir wie helfen können. Wir wollen den Kindern und Familien vor Ort helfen, dass sie nicht – zu spät – in die Einrichtungen der Hauptstadt fliehen müssen.
Bereits in diesen Tagen macht sich ein Anstieg der Zahl der Straßenkinder in Bujumbura bemerkbar. Verursacht von den Überschwemmungen und der Hungersnot, die Kinder und Jugendliche zwingt, ihre Heimatorte zu verlassen und auf eine bessere Zukunft in der Hauptstadt zu hoffen. Ein fataler Irrtum.
Wir möchten den ewigen Kreislauf durchbrechen, Kinder, denen es schlecht geht und die an Mangelerscheinungen aller Art leiden und in die Hauptstadt strömen, in unseren Heimen aufnehmen zu müssen. Denn wie die vergangenen Monate zeigen, kommt die Hilfe für viele zu spät. Um dem entgegen zu wirken, müssen wir in die betroffenen Gebiete selbst, dort Familien unterstützen, beispielsweise mit Saatgut, Gartengeräten, Know How. Nur auf diesem Weg können wir das Leben der Kinder nicht nur zu verbessern versuchen, sondern ihnen von vorne herein ein besseres Leben ermöglichen. Das Stichwort lautet also, Familien zu helfen und dem Elend entgegenzuwirken, anstatt es nur so gering wie möglich zu halten.
Das World Food Programme der Vereinten Nationen erwartet in den kommenden Monaten in Burundi etwa zwei Millionen Hungernde. Die ersten Toten sind bereits gemeldet. Täglich werden es mehr. Mit eigenen Mitteln könne die Organisation nicht alle Hungerleidenden versorgen. Deshalb sind private Organisationen aufgerufen, mehr denn je, Initiative zu ergreifen und zu helfen – in den betroffenen Gebieten. Doch diese Hilfe vor Ort ist ohne eine feste Basis in Deutschland nicht möglich.
Es ist ein unhinnehmbarer Umstand, wenn man bedenkt, dass die Landwirtschaft, wie sie heute auf der Welt existiert, „ohne Probleme“ (wie Jean Ziegler, Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung in der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, sagt) zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte – und noch immer Kinder an Hunger sterben müssen.
Helfen Sie den Menschen in Burundi und unterstützen Sie unsere Bemühungen, der Hungersnot entgegen zu wirken. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als einem Kind in die Augen zu sehen und zu wissen, es war das letzte Mal.
Für weitere Informationen besuchen Sie bitte unsere Internetseiten auf www.burundikids.org, www.fondation-stamm.org (gerade im Umbau) und www.pziser.wordpress.com.
Danke für Ihre Hilfe!
Philipp Ziser
burundikids e. V. / Fondation Stamm